Mitunter sind es die verwerflichsten Protagonisten, die Schauspieler und Schauspielerinnen am meisten reizen. Frei nach dem Motto: Den Helden in strahlender Rüstung kann ja jeder spielen. Auch Melika Foroutan (45), unter anderem bekannt aus der Frank-Schätzing-Romanverfilmung "Die dunkle Seite", vernahm mit ihrer Rolle als diabolische Lord Varvara in der deutschen Netflix-Serie "Tribes of Europa" (ab 19. Februar) diesen "verführerischen wie abstoßenden" Ruf des Bösen.
In der Serie, die im Jahr 2074 spielt, ist der europäische Kontinent "nach einem Cyberkrieg" in Mikrostaaten zerbrochen und quasi zurück ins Mittelalter verfrachtet worden. Mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht Foroutan unter anderem über die Relevanz der Serie zu Zeiten der Corona-Pandemie, was sie in der Welt von "Tribes of Europa" besonders vermissen würde und ihr reizvolles Dasein als "postapokalyptische Femme fatale".
Melika Foroutan: Unsere alltägliche Abhängigkeit von Technik, die oft gar nicht bewusst wahrgenommen wird, zum Beispiel im Bereich Gesundheit, Verkehr, Transport oder Sicherheit, ist enorm groß. Wenn das alles von heute auf morgen lahmgelegt wird, bricht unsere interagierende Welt zusammen. Dann herrscht Chaos und Anarchie. In "Tribes of Europa" führt das zu einem zerfallenen, sich gegenseitig bekämpfenden Kontinent. Ich denke, es ist klar, dass diese Dystopie auf heutige Konflikte aufbaut.
Foroutan: Corona legt offen, wie brüchig unsere als sicher erachteten Lebensgewohnheiten in Wahrheit sein können. Egal ob eine Gesundheitskrise wie jetzt, die Finanzkrise 2008, oder die Flüchtlingskrise 2015, zeigen solche Phasen immer deutlich, dass nur eine kleine Gruppe von Expert*innen und Wissenschaftler*innen sie vorab kommen sehen - aber Politik und Gesellschaft doch irgendwie immer da hineinstolpern, und die Reaktionen improvisiert wirken. Eine Zukunft, wie sie "Tribes of Europa" zeigt, ist erschreckend und erweckt den Wunsch, dass unsere Politik bei den großen Herausforderungen wie Klimawandel oder Cybersecurity die Gesellschaft besser vorbereitet und sich vielleicht vorab noch mehr von Sachverständigen unterstützen lässt, die unabhängig vom kurzfristigen und tagesaktuellen Politikgeschehen sind.
Foroutan: Meine Schwester arbeitet hauptsächlich zu Migration. Aber auch zu Zusammenleben in multidiversen Gesellschaften, was ein großer Bereich der Serie ist. Ich habe mich aber mit ihr mehr über die Entwicklung der Frauenfigur ausgetauscht. Ich bespreche Rollen oft mit meiner Familie, für mich ist das wichtig, denn im Dialog kann ich sie besser weiterentwickeln.
Foroutan: Ein Teil der Antwort steckt schon in der Frage. "Postapokalyptische Femme fatale" ist keine Rollenbeschreibung, die ich oft lese, und Science-Fiction kein Genre, das wir in Deutschland häufig bedienen. Das war neu für mich und hat mich interessiert. Außerdem ist die Figur auf unterschiedlichen Ebenen schauspielerisch reizvoll. Ich habe mich einerseits körperlich vorbereitet müssen, denn Varvara sollte sich in einem extrem gewalttätigen System glaubhaft behaupten können, mit Schwert und Dolch. Das Training dafür war nicht einfach und oft frustrierend, aber es führte zu einer mentalen Ausdauer, von der ich später sehr profitiert habe. Hinzu kam die Herausforderung, das Böse darzustellen, verführerisch und abstoßend zugleich. Eine Aufgabe, der ich mit Respekt begegnet bin.
Foroutan: Varvara ist brutal, gewalttätig, sie hält sich Sklaven und demütigt Menschen aus Spaß. So sehr mich diese Figur schauspielerisch interessiert hat, so sehr bin ich von ihr menschlich abgestoßen.
Foroutan: Die Zeit. Eine Geschichte und eine Figur über länger als das gängige Spielfilmformat von 90 Minuten denken und konzipieren zu dürfen, lässt im besten Fall mehr Raum für Komplexität und Charakterentwicklung zu.
Foroutan: Demokratie.
Foroutan: Ich bin sehr gespannt auf die Tribes, die uns im Falle einer Fortsetzung der Geschichte noch vorgestellt werden. Dann entscheide ich mich.